Nachdem im November bereits ein Mensch in Dortmund erfroren ist (Thomaz T.), beobachtet die Initiative Schlafen statt Strafen mit großer Sorge, dass die Stadt Dortmund absolut nicht ausreichend auf den Winter vorbereitet ist, und die drohende Lebensgefahr, die obdachlose Menschen von niedrigen Temperaturen ausgeht, nicht ernst nimmt. “Wir haben aktuell die Situation, dass das Hilfesystem an der Grenze ist und sich gleichzeitig der Gesundheitszustand vieler Menschen auf der Straße in den letzten Jahren erheblich verschlechtert hat”, so Chris Möbius, Pressesprecher*in von Schlafen statt Strafen. “Wenn nicht schnell etwas geschieht und die Stadt die Menschen von der Straße holt, dann werden wir diesen Winter noch weitere Menschen verlieren.”
Konkret kritisiert die Initiative, dass nicht ausreichend Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und die bestehenden Möglichkeiten für viele Menschen aus unterschiedlichsten Gründen nicht in Betracht kommen. Die eigentlichen Notschlafstellen, beispielsweise die Männerübernachtungsstelle (MÜS) in der Unionstraße, die Frauenübernachtungsstelle (FÜS) in Hörde oder auch die Schlafstelle für drogengebrauchende Menschen am Schwanenwall sind schon seit Monaten komplett ausgelastet. Wer noch einen Schlafplatz benötigt, wird an die Ausweichstelle in der Mergelteichstraße, weit weg von der Innenstadt, verwiesen. Wie die Menschen dorthin kommen, bleibt ihnen überlassen – ein Zustand, der vielen Menschen, die den langen Weg nicht auf sich nehmen können, den Zugang zu einem warmen und potentiell lebensrettenden Schlafplatz verwehrt.
In letzter Zeit erreichen Schlafen statt Strafen auch vermehrt Berichte, laut denen die hygienischen Bedingungen in der Mergelteichstraße nicht tragbar seien, und in der Unterkunft, die wie die MÜS und die FÜS eine zwangsgemeinschaftliche Unterbringung ohne jegliche Privatsphäre und Rückzugsräume ist, Gewalt unter den Bewohner*innen keine Seltenheit sei. Und zuletzt ist der Zugang zu dieser Unterkunft auch stark bürokratisiert und Menschen bekommen nur Zugang, wenn sie davor in der MÜS oder FÜS waren, was zu der absurden Situation führt, dass regelmäßig Menschen direkt vor der Einrichtung schlafen müssen, während in der Einrichtung eigentlich noch Platz wäre. “Menschen von uns haben sich in der Nacht auf Donnerstag ein Bild von der Situation an der Mergelteichstraße gemacht und tatsächlich einen Menschen direkt gegenüber vorgefunden, der dort an der Bushaltestelle schlafen musste” sagt Chris Möbius. “Der Mensch, der aus dem EU-Ausland kommt und damit komplett durch alle Raster fällt, war dort gestrandet. Er durfte nicht rein, er konnte nicht mehr zurück in die Innenstadt. Komplett untragbar! Unsere Leute haben ihn dann in die Innenstadt mitgenommen und dafür gesorgt, dass er zumindest für eine Nacht ein Dach über den Kopf bekam. Aber wenn es in den nächsten Wochen richtig kalt wird, hat er keinen Ort, an den er gehen kann. Sie werden ihn auch bei lebensbedrohlichen Temperaturen nicht in die Einrichtungen lassen. Und wir wissen auch nicht, ob er der einzige war, dem es in der Nacht so ergangen ist, er war nur der einzige, den wir direkt entdeckt haben.”
Schlafen statt Strafen erkennt teils gute Ansätze bei der Stadt Dortmund, aber diese sind bei weitem nicht ausreichend und werden nur halbherzig umgesetzt. Ein Beispiel ist das neue Nachtcafé im Café Flash, das gut angenommen wird, zu dem aber nur drogengebrauchende Menschen Zugang haben. Ein anderes sind die versprochenen Container am Hauptbahnhof, die jetzt doch nicht kommen werden und für die es keinen Ersatz gibt. Pressesprecher*in Chris Möbius: “Die Stadt Dortmund muss endlich mal aus dem Quark kommen! Es kann nicht sein, dass das Ordnungsamt ständig ausgebaut wird, um die Menschen aus der Stadt zu vertreiben, während diese dann sich selbst überlassen werden. Es ist offensichtlich, dass es niedrigschwellige Angebote in Innenstadtnähe geben muss. Gleichzeitig gibt es städtische Immobilien, die sich dafür grundsätzlich eignen würden, wie beispielsweise in der Leuthardstraße oder das Gebäude am Stadthaus, das zwischenzeitlich als neuer Drogenkonsumraum im Gespräch war. Es wäre höchste Zeit, solche Gebäude als Notschlafstellen zu nutzen, damit diesen Winter nicht noch mehr Menschen auf der Straße sterben.”
Abschließend möchte Schlafen statt Strafen noch betonen, dass Notschlafstellen kurzfristig essentiell sind, damit Menschen jetzt im Winter so schnell wie möglich aus der tödlichen Gefahr geholt werden. Generell sieht die Initiative die Stadt Dortmund vor allem auch in der Pflicht, bezahlbaren Wohnraum (nicht nur) für wohnungs- und obdachlose Menschen zu schaffen, denn nur eine eigene Wohnung kann würdevolles Leben ermöglichen.