In Erinnerung an Marlies

Wir trauern um Marlies S., die vor wenigen Tagen aufgrund einer akuten Erkrankung und wegen der gesellschaftlichen Zustände in dieser Stadt zu früh gestorben ist. Marlies wurde 1951 in Altenau in der damaligen DDR geboren. Seit 1975 lebte sie in Dortmund, war lange Jahre als Sozialarbeiterin tätig. Lange Zeit hat sie in der Nordstadt am Blücherpark gelebt, wo viele Menschen im Viertel sie sehr schätzten. Die letzten Jahre lebte sie in der Innenstadt, wo viele von uns sie kennenlernen durften.
 
Marlies war eine einzigartige Erscheinung. Von weitem sah man schon ihr Lager, das aus einem Zelt, mehreren Einkaufswagen und Rollkoffern, die mit allerlei für sie nützlichen Gegenständen gefüllt waren, und weiteren Sachen bestand. Immer perfekt geschützt saß sie zwischen ihrem Hab und Gut, so konnte und wollte sie auf alles vorbereitet sein. Sie war ein Organisationstalent. Hatte einen verschriftlichten Plan über alle mobilen Hilfsangebote in der Innenstadt und konnte so ihren Alltag nahezu perfekt planen, sodass sie selten ihr Lager mit den für sie so wichtigen Gegenständen, die sie angesammelt hatte, verlassen musste. Lücken im Plan füllten liebe private Helfende: Mal Passant*innen, aber auch andere Menschen ohne festen Wohnsitz, die sie immer mit einer kleinen Spende für ihre Hilfe belohnte.
 
Marlies war eine kluge, neugierige und oft auch lustige Gesprächspartnerin. Immer informiert über das aktuelle Orts- und Weltgeschehen und immer zu einem netten Plausch aufgelegt. Eine, die so gut sortiert und fit wirkte, dass es überraschte, dass sie es nicht aus der Obdachlosigkeit herausschaffte. Tatsächlich bekam sie auch Angebote für Wohnungen und niemand weiß genau, was sie abhielt, diese anzunehmen. Ein wichtiger Faktor war, dass sie sich selbst als Teil des Hilfesystems betrachtete und andere Menschen ohne Wohnung, die weniger gut ausgestattet waren wie sie, regelmäßig mit Dingen aus ihrem Fundus wie beispielsweise Decken versorgte. In eine Wohnung zu gehen, hätte für sie bedeutet, diese Menschen im Stich zu lassen. Dazu kam dann bestimmt noch die Angst, Gewohntes aufzugeben oder auch die ihr so wichtig gewordenen sozialen Kontakte, die ihr Leben im Öffentlichen mit sich brachte, aufzugeben und vielleicht in Einsamkeit zu sein. Für sie, die ihren Alltag immer gut durchdacht und geplant hatte, war die Ungewissheit, die eine so dramatische Änderung der Lebensumstände mit sich gebracht hätte, vermutlich ein zu großer Kontrollverlust gewesen, sodass sie dem die Strapazen und Gefahren der Straße vorzog.
 
Diese Gefahren, von denen weiblich gelesene Personen in besonderer Härte betroffen sind, wurden für sie spätestens vor zwei Jahren zur lebensbedrohlichen Realität, als jemand ihr Nachtlager angezündet hat. Sie konnte damals nur mit viel Glück zumindest körperlich fast unverletzt entkommen. Allerdings lebte sie seitdem in ständig wiederkehrender Angst.
 
Vor ungefähr drei Monaten, als mit dem Wechsel der lokalen politischen Verantwortung die Repressionen auf wohnungslose Menschen in der Innenstadt nochmal immens verschärft wurden, änderte sich ihr Leben schlagartig. Marlies war gezwungen, ihren gewohnten Platz zwischen DM und Andrä zu verlassen, an dem sie zuvor lange geduldet worden war. Ihr wurde das Lagern tagsüber untersagt und sie sah sich gezwungen, immer wieder in Bewegung zu sein und mit all ihrem Hab und Gut die Plätze zu wechseln. Für sie teilweise eine tagesfüllende Aufgabe, die sie massiv unter psychischen Druck setzte und ihr nicht mehr ermöglichte, sich gut um sich zu sorgen oder auch nur kurze Verschnaufpausen zu haben. Das führte dazu, dass sie, die immer so gut organisiert war und scheinbar alles im Griff hatte, innerhalb kurzer Zeit psychisch und körperlich extrem abbaute.
 
Zu diesen ohnehin schon extrem bedrohlichen, akuten gesundheitlichen Beschwerden kam dann auch noch die extreme Kälte in den letzten Wochen, die an sich schon enorm belastend für die Menschen auf der Straße ist, die ihr ohne Schutz ausgeliefert sind. Für Marlies war diese gesamte Situation mehr, als ihr Körper ertragen konnte. So musste sie am 22. Januar ins Krankenhaus eingewiesen werden. Dort ist sie, zu unserem Entsetzen und trotz allem für uns sehr überraschend, nach kurzem Aufenthalt am 24. Januar verstorben. Sie wurde 74 Jahre alt.
 
Marlies, Du wirst uns unendlich fehlen!